Erntezeit
Wir gehen Brennnesseln pflücken

Anfang März gehen wir ernten. Es ist nicht mehr so kalt, dass unsere Finger ohne Handschuhe blau werden, und die Sonne kommt auch ein wenig heraus. Außer Moos gibt es kaum Grünes. Der Frühling lässt sich Zeit im Waldviertel.

Ausgerüstet mit Gartenscheren kehren wir zu unserem Brennnesselhotspot am Bachufer zurück. Da sind sie schon, die dürren Stängel. Wir erkennen sie gleich wieder. Wir schneiden, bis wir einen ordentlichen Haufen beinander haben. Keine Ahnung wie viele davon man ernten muss, um vernünftiges Papier machen zu können. Christian meint, dass das Papier nicht nur aus Brennnesselfasern bestehen muss, und wir andere Fasern wie Leinen (Flachsfasern) oder Baumwolle dazu mischen können. Wir stopfen alles in einen großen Müllsack. Ein handgeflochtener Weidenkorb, den man am Rücken tragen kann, wäre jetzt bestimmt stimmiger als ein schwarzer Plastiksack. Man nimmt eben, was man kriegt. Hauptsache, wir haben genug Nesseln im Gepäck.
Ein Jäger fährt in seinem Geländewagen vorbei und schaut uns misstraurisch an. Vielleicht glaubt er, dass wir Müll ablagern wollen. Er kann gerne einen Blick in unseren Sack werfen – wir haben nichts zu verbergen.
Abends machen wir uns ans Schälen. Bricht man die Stängel auseinander, kann man die Fasern leicht abziehen, wenn man es geschickt macht, in einem langen Strang. Christian hat einen Trick gefunden, wie er besonders lange Fasern in einem Stück abziehen kann. Bei mir klappt das nicht, und ich begnüge mich mit kleinteiligem „Kletzeln“.
Wir wetteiffern darum, wer die längsten Fasern zustsandebringt. Dieses Match gewinnt auf jeden Fall er.

Lange, robuste Fasern lassen sich abziehen, …

sofern man es zusammenbringt.

Die Guten ins Töpfchen, der Rest auf den Kompost.
Nach zwei Stunden reicht es uns. Jetzt wollen wir abwiegen, eine Zwischenbilanz machen. Immerhin haben wir schon einen ganzen Topf voll. Knapp 40 Gramm zeigt die Waage. Ich bin entsetzt. Ich weiß, dass wir mindestens 200 Gramm brauchen werden. Besser mehr. Na gut, die Abende sind lang und dunkel, und im Waldviertel ist sowieso nichts los.

In den folgenden Tagen und Wochen machen wir wir weiter. Dieses „Kletzeln“ macht süchtig. Ich kann kaum an der Schachtel mit den Stängeln vorbeigehen, ohne ein paar Fasern abzuziehen. Jede kleine Computerpause wird dem Schälen gewidmet. Und bei jedem Spaziergang schnappe ich mir eine dürre Nessel und schäle im Gehen. Meine Taschen sind voller Nesselhautbällchen.
Irgendwann haben wir 220 Gramm duftig weicher Fasern zusammen.
Wir haben viel zu viel geerntet. Der Sack mit den Stängeln ist noch halbvoll und wird im Schupfen verwahrt. Was man hat, das hat man.
18.03.2025
Stichwort: Papier machen, Rohstoffe