Papierpremiere
Frischt gekocht und gut geschöpft.
Unser erstes Papier entsteht – zumindest das erste Papier in unserer Werkstatt. Christian hat schon zuvor Papiere gemacht – in seinem ehemaligen, kleinen Werkstattkeller in Wien. Mit improvisierter Ausrüstung und viel Geduld. Diesmal ist alles anders. Denn wir haben einen echten „Holländer“, der allerdings aus Neuseeland stammt.
Aber zuerst wird gekocht. Die Zutaten haben wir ja schon: Mühevoll geschälte Brennnesselfasern. Das Wetter ist schön, wir kochen auf der Terrasse. Denn das Süppchen riecht nicht gut.



Um die Fasern geschmeidig zu machen und für die weitere Verarbeitung vorzubereiten, lässt man sie mit etwas Wasser auf kleiner Temperatur für ein paar Stunden köcheln. Wie bei jedem Gericht gilt: Umrühren nicht vergessen und gelegentlich in den Topf schauen.
Die gegarten Rohfasern lässt man abtropfen. Zugegeben – appetitlich sehen sie nicht aus.
Danach werden unsere Fasern gemischt – in diesem Fall im Verhältnis 40:60 mit Baumwolle.
Zusätzlich hat Christian noch etwas Leimung hinzugefügt. Das ist notwendig, um auf dem Papier schreiben zu können – ohne dass die Tinte zerläuft.

Die Mischung kommt in den „Papierholländer“, ein Gerät, das die die Fasern schreddert, oder genau genommen quetscht, und sie zu mehr oder weniger feinem Brei verarbeitet (je nachdem, wie lange die Maschine läuft). Früher haben das die Mühlsteine der Papiermühlen erledigt, auch bei uns an der Thaya gab es einige. Ein „Holländer“ ist also eine kleine Mühle – üblicherweise auch ein wuchtiges Gerät mit einem großen Bottich. Das Besondere an unserem Holländer ist, dass er klein und zusammenklappbar ist. Und: er kommt aus Neuseeland. Christian hat ihn bei Mark Lander gekauft, der Einzige, der diese handlichen Geräte herstellt.
Der Brei ist eingefüllt, der Holländer kann loslegen. Die Mischung rattert im Kreis, die Maschine mahlt langsam, aber gründlich. Es dauert 1-2 Stunden bis alles fein genug ist. Ich schaue gern dabei zu. Ich finde, es hat etwas Beruhigendes.

Der fertige Brei – Pulpe wird er genannt – kommt in ein großes, flaches Gefäß. Groß genug, um daraus schöpfen zu können, das heißt, um die Siebe vollständig einzutauchen und den Brei herausheben zu können. In unserem Fall muss Christian wieder einmal improvisieren: Das große Behältnis ist noch nicht vorhanden, er macht das im Abwaschbecken im Keller. (Das Licht ist schlecht, der Keller eng – sobald wir richtig ausgerüstet sind, gibt es bessere Fotos.)
Hier hebt er das Sieb mit der Pulpe aus dem Becken.

Das Wasser muss gut abfließen, dann kann man den Plexiglas-Rahmen, der das Format bestimmt abnehmen. Das Papier bleibt auf dem Sieb liegen. Hier werden Papiere im A6-Format geschöpft.

Danach wird alles auf einen Filz gekippt. Anschließend kommen mehrere Lagen Papier und Filz übereinander, das restliche Wasser wird mittels Presse herausgepresst.

Nun muss es noch trocknen – am besten auf einer glatten Oberfläche. Wieder improvisieren wir. Gott sei Dank haben wir viele Türen im Haus.

Nach ein paar Tagen sind die Papiere trocken und lassen sich leicht abziehen. Jetzt erst kann man die endgültige Farbe beurteilen

Das Ergebnis ist immer eine Überraschung. Jedes Papier ist individuell, abhängig von Fasern, Mischung und Verarbeitungsdauer.
Wir sind jedenfalls zufrieden mit unserem ersten Nesselpapier, auch wenn es etwas feiner geworden ist als wir beabsichtigt haben. Das nächste Mal werden wir versuchen, die Fasern nicht so fein zu zerkleinern, um dem Papier mehr Struktur zu verleihen.

50 Stück A6 Papiere sind es geworden. Ideal für meine Linolschnitte.

Ich habe es gleich ausprobiert und eine Brennnessel gedruckt. Was sonst.

Kaum haben wir den Holländer ausgeleert – sitzt er schon drin, der neugierigste Kater der Welt. Um nachzusehen, was vorhin solchen Wirbel gemacht hat. Solltet ihr jemals ein Katzenhaar in unseren Papieren finden: Ihr wisst, warum.
08.06.2025
Stichwort: Papier machen, Rohstoffe